Interview im Zitty Berlin - Ausgabe April 2010
Wie können Sie dann beim Findungsprozess helfen?
K.: Ich assistiere. Ich weiß, welche Kombination funktionieren könnte oder wie man beispielsweise eine orientalische Grundnote auffrischen kann. Wählt man einen Blütenduft wird sie femininer. Mit einem Kräuterduft maskuliner.
Warum kaufen wir manchmal einen Duft und merken erst im Nachhinein, dass wir ihn an uns selbst nicht mögen?
H.: Da spielt die eigene Haut eine ganz wichtige Rolle. Man muss ein Parfüm auftragen und wirken lassen, bevor man es kauft.
K.: Zu uns sollte man auch immer mindestens eine halbe Stunde bis Stunde Zeit mitbringen. Am Ende kenne ich meine Kunden ziemlich gut.
Wenn Düfte so subjektiv sind, gibt es ein objektives Maß für einen guten, qualitativ hochwertigen Duft?
K.: Klar. Was der Parfümeur leistet, sind runde Übergänge zwischen Kopfnote, Herznote und Basis zu finden. Wie beim Wein gibt es auch beim Duft einfachere und kreativere Kompositionen. Zum Beispiel kann ein Wein nach Johannisbeere schmecken. Fertig. Er kann aber auch roten, schwarzen, grünen und weißen Pfeffer drin haben.
Gibt es einen Duft-Klassiker?
H.: Schwierig. Chanel No.5 war für die Zeit natürlich eine Sensation. Es war der erste synthetische Duft. Heutzutage ist die Situation eine andere. Jeden Monat kommen neue Parfüms auf den Markt, viele verschwinden wieder. Der Markt ist gesättigt.
K.: Man braucht viel Marketing, um da noch große Erfolge zu feiern.
Was machen Sie anders?
H.: Das Geschäft ist unsere Antwort auf diese Entwicklung. Vor zwei Jahren verließ ich völlig verzweifelt eine Douglas-Filiale, weil ich einfach nicht fand, was ich suchte. Ich wollte eben nicht den neuen Claudia Schiffer- oder Victoria Beckham-Duft. Parfümherstellung ist schließlich eine Kunst. So muss man sie auch feiern. Bei uns sollen Düfte so pur wie möglich zur Geltung kommen. Da soll nichts ablenken oder blinken mit noch einem Foto von Model xy.
Bei dem Online-Anbieter myparfume.de kann man sich auch individuelle Düfte kreieren, ist das Konkurrenz?
H.: Ach Gott. Da sind wir so arrogant und sagen: Keine Konkurrenz für uns.
Wir bieten Manufakturprodukte, die auch so behandelt werden. Was soll denn dabei rumkommen, wenn man sich einen Duft im Internet bestellt, ohne daran zu riechen? Das ist ja wie Lotterieparfüm.
Frau Hanssen, das Geschäft ist auch eine Hommage an Ihre Großmutter Frau Toni. Hatte sie beruflich mit Parfum zu tun?
H.: Ganz und gar nicht. Sie hatte einfach ein unglaublich gutes Gespür für schöne Dinge. Beispielsweise ließ sie sich ihre Kleider schneidern, sie liebte schon immer schöne Düfte und wusste, wie ein Schuh zu sitzen hat. Das hat mich sehr beeindruckt. Mittlerweile ist sie 83 Jahre. Als sie zum ersten Mal den Laden sah und die Aura unserer Düfte wahrnahm, hatte sie Tränen in den Augen, so schön fand sie es.
Die Idee zu ?Frau Tonis? entstand, als Sie Harry Lehmann kennen lernten, der seit 1926 Jahren eine Duftmanufaktur in Charlottenburg betreibt ?
H.: Wie das manchmal im Leben so ist - zufällig landete ich bei Herrn Lehmann im Laden, wir mochten uns auf Anhieb und kamen ins Plaudern. Da erzählte er mir, dass seine Töchter das Lebenswerk seines Ururgroßvaters nicht fortführen und die Manufaktur in vier, fünf Jahren wahrscheinlich schließen wird. Ich berichtete meiner Großmutter davon und dann war die Sache klar.
Wie viele kleine Duftmanufakturen gibt es in Deutschland?
H.: Verschwindend wenige.
K.: Es gibt 200 Parfumeure weltweit, 36 davon in Deutschland, zehn in Hamburg.
Kann ein Duft, wie in der Mode üblich, als modern oder altmodisch bezeichnet werden?
K.: Solche Assoziationen gibt es. Aber will man Düften diese Begriffe überstülpen? Wer heute Mode aus den 50ern trägt, nennt es Vintage. Sminta ist auch ein ganz toller Duft ? und von 1926. Tja, was soll ich sagen, ist der nun altmodisch?
Gibt es etwas, das jetzt gerade in ist?
K.: Ich würde das eher jahreszeitlich sehen. Im Frühling möchten die Leute einen Blütenduft, wie das Rosen-Kräuter-Gewächs Reseda. Im Winter wollte das keiner haben.
Was ist typisch 70er oder 80er?
K.: Veilchendüfte. Die erleben gerade eine Renaissance.
Ist Marlene Dietrich Schuld?
H.: Das ist die Frage. Es war ihr Lieblingsduft.
K.: Veilchen ist wie Rose, sehr schwierig. Wird der Duft zu intensiv, erinnert er an weiße Gummibärchen, wenn zu viele schlechte Essenzen drin sind, an Klebstoff. Aber wenn er richtig ist, dann ist er ein herrlich kräftiger, kompakter Duft.
Wenn man Gerüche aus dem gewohnten Kontext löst, erkennt man Düfte zwar, aber kann sie nicht zuordnen. Warum?
K.: Das ist unglaublich schwer. Wir können bis zu 10.000 Gerüche wahrnehmen, aber uns fehlen die Worte. Manchmal arbeiten wir auch mit Assoziationen. Neulich roch ein Herr am ?Weißen Blütenzauber? und sagte: Das ist Spätsommer. Ich wäre fast in die Knie gegangen. Genau das ist es - ganz intensiv, überblüht, kompakt, und so riecht die Stadt im August
Ich finde einen Mann eigentlich sexuell attraktiv, aber mag seinen Körpergeruch nicht. Kann Parfüm helfen?
K.: Nein. Ob man sich ?riechen kann? hat biologisch gesehen mit der Suche nach einem Partner zu tun, dessen Immunsystem das eigene perfekt ergänzt, damit die Nachkommen das best mögliche Immunsystem bekommen. Das passiert unbewusst. Es gibt in diesem Zusammenhang auch Diskussionen über Frauen, die hormonell verhüten, irgendwann die Pille absetzen und ihr Partner sie plötzlich mehr riechen kann. Großes Drama.
Warum nimmt man den eigenen Duft nach einer Zeit nicht mehr wahr?
H.: Das ist der Prozess Adaptation. Deswegen rate ich meinen Kunden hier im Laden zwischendurch eine Nase Kaffeebohnen zu nehmen. Die Gewöhnung an den eigenen Duft birgt auch wieder die Gefahr, zu viel aufzutragen.
Gibt es eigentlich Düfte für bestimmte Anlässe?
K. Selbstverständlich. Damen wollen am Abend sexy, verführerisch, tiefgründig wirken. Tagsüber sportlich, nicht aufdringlich und dennoch die ganze Zeit präsent. Deswegen haben die meisten auch mehrere Düfte.
Und wenn ich morgen einen unglaublich kompetenten Eindruck machen möchte, was benutze ich?
H.: Egal, was Sie wählen - vielleicht erinnern Sie den potenziellen Chef an eine verhasste Tante. Das liegt nicht in Ihrer Macht.
K.: Es gibt nur einen Tipp: Nicht zu viel auftragen. Denn damit sendet man automatisch die Botschaft: Ich brauche einen Schutzwall. Ich muss mich einnebeln.
Zum Abschluss ein Fazit: Wie viel Sympathie wird Ihrer Meinung nach durch einen Duft transportiert?
H: Sehr viel! Während meines ersten Treffens mit Herrn Lehmann, entschied ich mich spontan für einen Orangen-Duft. Noch nie bin ich so oft gefragt worden, wonach ich eigentlich dufte. Mit wildfremden Menschen kam ich ins Gespräch.
